Arbeitstag

(Tagebuch = Blog)

Tagesablauf an einem Wochentag

Im Jahr 1976 trat ich die Stelle im Rechenzentrum an, das während der letzten 35 Jahre ein Mal umgezogen, sowie mehrmals reorganisiert und umbenannt worden ist – selbstverständlich jeweils mit einem frischen Logo, was immer wieder Diskussionen auslöste, da die Geschmäcker verschieden sind. Das Kürzel besteht einmal aus drei, einmal aus zwei Buchstaben. Ursprünglich mit nur wenig Angestellten waren wir ein „Zentrum“; als die Informatik zur Kernaufgabe der zentralen Verwaltung wurde, ist das „Zentrum“ im Namen gestrichen worden. Ideal wäre, wenn das nächste Mal wieder ein altes Kürzel zum Zuge käme, um die Kosten für neue Visitenkärtchen einzusparen — ich träume davon.

Mein Tagesablauf am Werktag blieb während Jahrzehnten, in denen meine Vorgesetzten, die Organisation, die Computersysteme und die Benutzernamen wiederholt gewechselt haben, ziemlich konstant. Als Sohn eines Milchmanns bleibe ich ein Frühaufsteher. Der folgende Stundenplan zeigt einen typischen Tagesablauf im Jahr 2010 oder 2011.

Stundenplan

5:40     Der Wecker klingelt. Aufstehen, etwas Corn Flakes mit Milch essen.

6:10     Mit dem Auto von der Sammelgarage über die Autobahn, die über einen direkten(!) Anschluss ans Parkhaus der Hochschule verfügt. Wer hat schon diesen Komfort, stets mit trockenen Schuhen im Büro zu erscheinen? Zeitraubendes Pendeln ist ein gewaltiger Glückskiller. Der Arbeitsweg beim Morgengrauen erfordert keine 20 Minuten.

6:30     Ungestört nehme ich die tägliche Arbeit auf — ausser ein wichtiger Server oder der Drucker sei nachts ausgefallen, oder das Druckwerk klemmt wegen eines Papierstaus. Problem Tickets lesen, Webseiten aktualisieren und pflegen, Mails beantworten, „Immer wieder gestellte Fragen“ bearbeiten, usw. Gewisse Dokumente veralten fast so schnell wie die Tageszeitung.
Montag bis Sonntag brummt der Motor und surrt der Ventilator, da immer mehr Dienste IT-gestützt sind. Im Oktober 2011 beginnen die portugiesischen Arbeiter, unsere schöne Eingangshalle abzuschotten, um dringend benötigte neue Büros einzubauen. Im Tagesgeschäft bearbeiten wir die üblichen Problem Tickets: Passwörter, Passwörter und nochmals Passwörter — vergessene, verlorene, ungültige, unsichere, gesperrte und fehlende! Ohne Passwort geht nix, weder Einschreibung, Online Learning noch Bibliothekszugriff oder Internet.
Morgen wird eine Servermaschine ausser Betrieb genommen, die während 10 Jahren unsere wichtigste Plattform bildete. Kein Wunder, haben sich da einige Seiten angesammelt, die noch schnell „gezügelt“ oder migriert werden müssen!

7:40     Einen Tee trinken mit Rudolf in der Cafeteria. Die interessantesten Dinge, die nicht im Protokoll stehen, erfährt man in der Pause.

8:00     Fortsetzen der Arbeit, die Kollegen treffen langsam ein, es kommt Leben ins Haus. News-Artikel redigieren, die ersten Telefonate. Einige besonders wichtige Kunden lieben E-Mail gar nicht und weichen auf das Telefon aus. Der Mensch möchte seine Probleme unverzüglich aus der Welt schaffen.

9:00     Bei einem Automatenkaffee besprechen der Gruppenleiter und sein Stellverteter die Tagesprobleme der Gruppe und die tägliche Arbeit. Evt. eine offizielle Sitzung, wobei ich kurze Sitzungen am liebsten habe.

10:00   Ich übergebe das Gruppen-Mobiltelefon einem Kollegen. Ist der Kollege nicht anwesend, darf ich das „Blue Phone“ hüten (wirkliche Notrufe sind aber selten). Fortsetzen der Support- und Dokumentationsarbeiten im Web.

11:20   Ich brauche die Bewegung: 15-minütiger Marsch in mein Lieblingsrestaurant am Zürichberg. Lunch und ein Blick in eine Zürcher Tageszeitung. Während dreissig Jahren jeden Werktag 30 Minuten Bewegung (und Schwitzen) können der Gesundheit nicht schaden. Das summiert sich auf immerhin etwa 3300 Stunden Schwitzen am Zürichberg. Die besten Ideen hat man in der Ruhepause.

Rigiblick

Rigiblick

Mittagspause im Rigiblick (pdf)

12:30   Fortsetzen der interessanten Arbeit, Beantworten von Tickets und Anfragen. Der Webauftritt muss tagtäglich aktualisiert werden.

13:00   Beginn der Beratung (Walk-in), eine Schicht pro Woche. An einzelnen Wochentagen grössere Arbeiten wie Web-Programmierung, Software-Tests und Schreiben von Anleitungen, usw.
Nachdem die Benutzerverwaltung umgestellt worden ist, müssen uns die Gruppenleiter bitten, sofort nur noch Passwort-Anfragen zu beantworten, um die Ticket-Queues innert nützlicher Frist etwas abzubauen. Vor den Beraterbüros bilden sich Warteschlangen von Studierenden, die mehr oder weniger geduldig bleiben. Einige sind unglücklich oder verärgert, andere nehmen es mit Humor: „Jetzt sind wir vom Leben abgeschnitten, wir gehen ein Bier trinken“. Der Berater fühlt sich ausgelaugt, nachdem er während drei Stunden ununterbrochen die gleichen Fragen der Studierenden beantwortet hat. Jetzt brummt nicht die Maschine, sondern der Schädel. Wenn von 30’000 Benutzern nur 10% ein gröberes Umstellungsproblem haben, dann sind das immerhin 3000 „Problemfälle“ oder 3000 Menschen.
Eventuell ein Workshop oder Weiterbildung am Nachmittag. Ohne die Weiterbildung ist man bald „weg vom Fenster“, schon die alten Griechen wussten: „alles fliesst“.

16:00   Zurück nach Hause, meine Frau und ich tauschen uns aus, wenn sie bereits zuhause ist. Ein längerer Blick in die Winterthurer Tageszeitung, die ich lieber in gedruckter Form als auf dem Bildschirm lese; dafür darf ich regelmässig das Altpapier zusammenbinden.

17:00   Eine Stunde Ueberzeit machen, weitere Mails beantworten, die wichtig und interessant sind, z.B. die Mails meiner Kollegen vom späteren Nachmittag.

18:00   Meine Frau und ich nehmen zusammen ein leichtes Abendessen ein. Manchmal überrascht sie mit einem neuen Kochrezept, einer originellen Kürbissuppe oder einem Birchermüesli à la Anna. Anschliesslich bleibt vielleicht noch etwas Zeit für mein Hobby, das Schreiben des Tagebuchs (dieses Hobby pflege ich seit meinen sieben Jahren im Internat).

19:30   Wir sehen die Tagesschau im Schweizer Fernsehen, sowie den Wetterbericht nach der Werbung.

20:00   Ich muss nochmals „an die frische Luft“, im Sommer mit dem Velo durch ein nahes Waldstück, im Winter zu Fuss durch das Wohnquartier, wo im Dezember die Adventsfenster leuchten. Auch dies hängt mit Lebensqualität zusammen. Der nahe Wald hilft dem Gemüt, worauf ich nicht verzichten könnte. Als geborenem Winterthurer war mir der kurze Weg an einen nahen See hingegen verwehrt.

21:00   Wir schauen uns zusammen eine Informationssendung des Schweizer Fernsehens an (z.B. Kassensturz, Puls, Rundschau). Meine Frau interessiert sich vor allem für Themen rund um die Familie, die Gesundheit und das Alter.

21:30   Schon wieder ist ein Wochentag vorbei, müde und zufrieden gehe ich zu Bett und schlafe sofort ein, da ich ein Morgenmensch bin. Als Senior wache ich nach Mitternacht (nach der Tiefschlaf-Phase) ein bis zwei Mal auf, was mir erlaubt, meine Träume festzuhalten, die jedoch meist rätselhaft bleiben.

Irren ist menschlich

Was brauche ich mehr für mein Glück? Eigentlich nichts. Auf den ersten Blick sieht dieser Alltag vielleicht grau und langweilig aus, aber persönlich empfinde ich diesen als farbig und spannend. Die Färbung hängt also ein wenig von der eigenen Einstellung ab. Die Arbeit ist gleichzeitig anstrengend und ein Vergnügen. Meine Angehörigen meinen: „Es ist nicht selbstverständlich, eine befriedigende Arbeit zu haben“. Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine ist immer spannend, da Irren menschlich ist („errare humanum est“ gilt auch für mich persönlich). Die Kunden sind ausnahmslos dankbar, falls man ihnen helfen kann. Manchmal beschränkt sich die Hilfe auf den Hinweis auf eine unserer Webseiten oder eine Anleitung. Die deutsche Sprache und die Hypertext Markup Language (im Web) sind wunderbare Kommunikationsmittel. Allerdings ist es mir *nicht immer* gelungen, die technischen Zusammenhänge allgemeinverständlich zu vermitteln. Wir sind dazu „verdammt“, uns verständlich auszudrücken.

Bei den Sitzungen bin ich manchmal enttäuscht, wenn mein Vorschlag hinterfragt und abgeändert wird. Aber Kritik ist völlig normal und darf keinesfalls persönlich genommen werden. Und jetzt kommt’s: im Nachhinein merke ich meist, dass ein Vorschlag durch die Kritik verbessert wurde! Das einzige Problem dabei ist: man muss zuerst leer schlucken und sich ein wenig umstellen.

Wenn ich am frühen Morgen im kleinen Auto Richtung Metropole fahre, höre ich das Programm von Radio DRS1 und kann die Südanflüge und die Glattalbahn beobachten, welche die dreistreifige Autobahn überqueren.

Glattalbahn

Glattalbahn

Im Winter liegt häufig Nebel über Zürich-Nord, und manchmal nervt mich ein Radiomoderator, der die Musik unterbricht. Am Nachmittag ist das Brüttiseller Autobahnkreuz ab und zu wegen der Einkaufszentren verstopft. Glücklich, wer keine anderen Probleme hat! Was ist das schon im Vergleich zu einer chronischen Ueberlastung oder gar Arbeitslosigkeit, welche ein Burnout beziehungsweise eine depressive Verstimmung auslösen könnten?  Die 68er Generation ist zufrieden geworden.

Die Guillotine

Die Babyboomer in der Schweiz erreichen langsam, hoffentlich aktiv und gesund das Rentenalter. Die Guillotine von 65 Jahren, bereits 1916 von Kaiser Wilhelm II festgesetzt, gilt in der Schweiz immer noch.

Stundenplan im Ruhestand

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