Das Internat

Ein prägendes Kapitel des Lebens

Das katholische Knabeninternat — IMP genannt — hatte einen enormen Einfluss auf mein weiteres Leben. Diese sieben Jahre prägten das Leben wie keine andere Phase in meinem Curriculum. Noch heute sehe ich die Räumlichkeiten des Internats vor mir: Schulzimmer, Musikzimmer, Turnhalle, Schlafräume, Refektorium (Speisesaal) sowie die vielen Gänge in den Alt- und Neubauten. Den Entschluss, ins Internat einzutreten, fällte ich zwar nicht sehr bewusst, ich versprach mir aber eine solide Schulung bis zur klassischen Matura, was sich auf jeden Fall bewahrheiten sollte. Von den rund 30 Schulkollegen, die mit mir ins Internat eintraten, absolvierten sieben Jahre später nur etwa sieben Mitschüler – ein „kleiner Kern“ – die Matura: das „Fähnlein der sieben Aufrechten“. Von den damaligen Jahrgängen besuchte überhaupt nur eine kleine Minderheit das Gymnasium.

Diese Seite zeigt, warum ich noch heute vom Internat träume. Am häufigsten träume ich, kurz VOR den Maturaprüfungen (dem Abitur) zu stehen.

Der fleissige Schüler

Die ersten viereinhalb Jahre sahen einen fleissigen und erfolgreichen Schüler, der es sogar zum demokratisch gewählten Klassenchef brachte. Der Drill störte mich nicht besonders, auch wenn wir während der kurzen Schulpause am Vormittag noch das Frühstücksgeschirr abspülen mussten. Ich hatte zwar Heimweh nach der Stadt Winterthur, konnte mich aber mit der mehrjährigen „Rekrutenschule“ abfinden, zumal sich mit den Fremdsprachen eine faszinierende neue Welt auftat: Latein und Französisch, später Griechisch, Englisch und Italienisch. Die hervorragenden Lehrer verstanden es, zu uns Schülern eine intensive Beziehung aufzubauen und unsere Stärken abzurufen. Ob ein Lehrer eher streng oder humorvoll war, alle trugen bei zu einem „grossen Sack voller Wissen“ und einem christlich geprägten Denken. Die Sprachen, sowie Geschichte und Philosophie wogen schwer, ein paar Jahre später sollte mir dann das Psychologie-Studium die Tür zur Statistik öffnen. Die Informatik lag noch in weiter Ferne …

Wir wollten unsere Kräfte messen und uns in der geschlossenen Welt — im Rudel — behaupten. Ich überschätzte meine Kräfte und legte mich mit einem älteren Gruppenleiter an. Bei einem Ringkampf stürzte ich unglücklicherweise mit meinen Schaufelzähnen voraus zu Boden (in einem Speisesaal). Beide Schaufelzähne zersplittert! Noch heute habe ich ein Andenken daran: zwei Stiftzähne begleiten mich durchs Leben. Manchmal träume ich, dass die beiden Stiftzähne wackeln und vom Zahnarzt neu einzementiert werden müssen.

Der Sonntag im Internat

Der Tagesablauf im katholischen Internat ist vor allem in den unteren Klassen straff durchstrukturiert, wobei darauf geachtet wird, dass sich der christliche Sonntag etwas vom alltäglichen Tagesprogramm abhebt. Im Internat wird für Kultur, Gebet, Schule und Sport gesorgt, die Lehrer engagieren sich überdurchschnittlich und versuchen, sowohl schwächere als auch stärkere Schüler zu fördern.

Sanfte klassische Musik weckte uns um 6:30 Uhr, Tagwacht war am Sonntag erst um 7:00 Uhr, im Gegensatz zum „Benedicamus Dominum“ werktags um 5:45 Uhr. Um 7:30 Uhr folgte die heilige Sonntagsmesse, wo die Erstgymnasiasten zuvorderst in der ersten Reihe auf Spannteppich knieten, der manchmal vom Blumengiessen durchnässt war. Zum Frühstück gab es sonntags ausnahmsweise Butter; beim anschliessenden Studium sassen wir im Klassenzimmer an unseren Pulten, um die Hausaufgaben zu erledigen und den Wortschatz in Latein, Französisch, Altgriechisch, Englisch und Italienisch aufzufrischen. Am Lehrerpult sass unser Klassenlehrer oder sein Stellvertreter und achtete auf ein striktes Silentium (Sprechverbot), damit wir uns voll auf die Wörterbücher und die Grammatik konzentrieren konnten.

An das Mittagessen um 12:00 Uhr schloss sich der schwarze Kaffee an, wobei es für die Fünftgymnasiasten auf Wunsch eine Zigarre gab; alles war schön geregelt. Für die zukünftige Elite war es Ehrensache, den Aufenthaltsraum gnadenlos einzunebeln, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Nichtraucher machten sich am besten aus dem Staub. Der anschliessende Spaziergang liess uns wieder reine Luft atmen und führte uns über ein kleines oder grosses „Idiotendreieck“ in die ländliche Umgebung, vorbei an Kuhweiden, Bauernhöfen, Gehölz und Bächen, manchmal mit einem Bier im Gasthof zur Alten Mühle. 45 Jahre später sollte ich die alte Mühle noch einmal besuchen — die unveränderten Gebäude kamen mir vor wie von einem anderen Planeten oder wie im Traum. In einer weiteren Stunde Studium durften wir Bücher aus der Bibliothek lesen oder Korrespondenz erledigen; Lesen und Schreiben ist den meisten in Fleisch und Blut übergegangen.

Die Massenmedien

Nach dem Abendessen kam das Hilight des Tages: die Sportresultate von DRS 1, die wir alle andächtig vor dem Radioapparat hörten. Basler, Zürcher, Innerschweizer, Walliser und Ostschweizer hatten „ihre“ eigenen Fussballmannschaften. Die Hassliebe zwischen Basel und Zürich ist legendär, den Baslern würde ohne die Zürcher glatt die Hälfte der Fasnachts-Sujets fehlen. Die Resultate der Sonntagsspiele bedeutete uns viel. Ein 2:0 oder 3:2 für die richtige Mannschaft konnte grossen Jubel auslösen und uns glücklich machen. Sonntagspresse und die sonntägliche Diskussion im TV existierten noch nicht, geschweige denn Tele Züri. Am Radio lauschten wir auch noch die übrigen Resultate wie Handball, Leichtathletik oder Ski. Reizüberflutung war kein Thema, das Internet lag noch in weiter Ferne.

Der Tagesablauf war also völlig durchdacht, aber man höre und staune, der Tagesplan hatte sogar Platz für eine Stunde „Rekreation“, also frei verfügbare Zeit zum Nichtstun oder Spielen (z.B. Tischfussball). Ich kann mich noch lebhaft an den Fussballkasten (Töggelikasten) erinnern, um den herum ein Fribourger und ein Walliser beziehungsweise ein Basler und ich im Einsatz standen. Basler und Zürcher ziehen sich an; zwei spielten gegen zwei. Die Spielerfiguren sind an drehbaren Griffstangen angebracht. Mit dem Taschentuch befreiten wir die Handgriffe von Schweiss. Der Ball aus Hartgummi rollte, knallte, wurde gestoppt und im Tor versenkt. Direkte Torschüsse von der Mittelstange aus (ohne Zuspiel) sind verpönt — ein häufiger Knackpunkt, um den es sich bestens streiten lässt.

Abends sprachen wir zusammen das Abendgebet, bevor um 21:30 oder 22 Uhr das Licht gelöscht wurde. Mit wenig waren wir zufrieden, z.B. einer Stunde länger schlafen am Sonntagmorgen, Ovomaltine zum Frühstück oder etwas Schokoladepudding zum Dessert.

Die Pubertät

Die ganz Mutigen leisteten sich unter der Bettdecke einen Transistor-Radio, um die französischen Chansons hören zu können. Leider wurden diese Geräte, die im Tagesbefehl nicht vorgesehen waren, bei einer Razzia eingesammelt, sodass wir auf die Langwellensender, France Inter und die Konzerte im Pariser Olympia verzichten mussten. Paris war für uns Lichtjahre entfernt. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, dass jugendliche Schüler für französische Schlager, für Paris und die französische Sprache schwärmen.

Das höchste der Gefühle war, wenn wir am letzten Samstag des Trimesters in die Ferien entlassen wurden. Je mehr wir verzichten mussten, desto mehr freuten wir uns auf die grosse Freiheit. Die Pubertät ist durch einen unbändigen Freiheitsdrang gekennzeichnet. Es erwacht ein unbestimmtes Sehnen nach dem grossen Abenteuer. Eine Gratwanderung mit Absturzgefahr.

Vom Einzelzimmer träumen

Im sechsten und siebten Jahr des Gymnasiums mussten wir nicht mehr in grossen Sälen schlafen, die wir „Massenschläge“ nannten, sondern wir wohnten in Einzelzimmern im Betonneubau, im Lyzeum. Jedes Zimmer war bestückt mit Bett, Schrank, Lavabo, Pult mit Stuhl. Das war schon etwas, wir machten den ersten Schritt ins Erwachsenenleben — ein grosses Stück Freiheit. Manchmal träume ich von diesen Einzelzimmern, wie wir die spartanischen Zellen putzen und auf einfach Art schmücken und wo wir tagtäglich den Matura-Stoff pauken und „büffeln“.

Noch heute finden sich in meinen Träumen zahlreiche Elemente aus den sieben Internatsjahren, so die Angst, die Wanderschuhe im Betonkeller des Neubaus zu vergessen oder die Situation, kurz VOR den Maturaprüfungen (Abitur) zu stehen. Offensichtlich spürte ich einen grossen Leistungsdruck. Erst mit der Pensionierung im Alter von 65 Jahren verschwindet das Matura-Thema aus meinen Träumen. Viele Träumende berichten von ähnlichen Prüfungen. Aber regelmässig geht es in meinen Träumen darum, am ersten Schultag im Klassenzimmer einen günstigen Sitzplatz zu ergattern. Günstig bedeutet für mich, einen Platz möglichst in der hintersten Reihe zu erhalten. Am wenigsten bevorzuge ich eine Konstellation, wo ich von allen Seiten her „eingeklemmt“ bin. Ganz ähnlich träume ich, dass wir einen Schlafsaal beziehen müssen, wo wir wild (zufällig) durcheinander gewürfelt werden.

Während des ganzes Lebens begleitet mich das Traummotiv der vermissten Wanderschuhe. Im Internat hatten wir nämlich einen Schuhraum in einem Zivilschutzraum im Betonkeller. Die Wanderschuhe lagen manchmal unordentlich herum; trotzdem habe ich mein Schuhpaar immer wieder gefunden. Ich hatte immer ein klein wenig Angst, die Wanderschuhe eines Tages zu vergessen oder vermissen. Exakt dieses Traummotiv begleitet mich heute noch, d.h. ich vermisse im Traum meine weinroten Wanderschuhe. Welche Botschaft will die Seele uns senden?

Traum 1995 (pdf)

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