Von Stalingrad bis Porte de Clichy

Beispiel für eine Biografiearbeit: Senioren schauen zurück. Das Langzeitgedächtnis funktioniert ausgezeichnet.

Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, dass jugendliche Schüler für französische Schlager, für Paris und die französische Sprache schwärmen. Heute ist das Englische allgegenwärtig, und unsere Söhne reisen nach Kalifornien, Singapur und Australien.

Alle Strassen führen nach Paris

Als ich ins Gymnasium eintrat, sprach und kannte ich kaum ein französisches Wort. Mein strenger Französisch-Lehrer änderte dies sofort. Er wusste uns zu motivieren und entfachte in uns eine Begeisterung für die französische Kultur und Sprache. Schwächere Schüler hatten bei ihm allerdings nicht viel zu lachen. Nur schon eine falsche Aussprache der Ortschaften „Ajaccio“ oder „Chexbres“ konnte die Beurteilungsnote senken (bei Chexbres darf das „x“ nicht ausgesprochen werden). Bei der Aussprache von „Le Havre“ oder „Les Halles“ musste das „H“ unbedingt weggelassen werden, um eine mittlere Katastrophe zu vermeiden. Mich beeinflusste er stark und gab mir nicht nur die Freude am Französisch mit, sondern auch einen grossen französischen Wortschatz.

Meine Sehnsucht nach Paris wurde geweckt durch die frühen Autostopp-Reisen via Dijon oder Nancy, wo immer alle Strassen nach Paris führen. Das Ortsschild „Paris“ elektrisiert mich heute noch. Wenn ich nicht mehr vom Fleck kam, stieg ich irgendwo in Ostfrankreich auf die SNCF um, die mich für einen relativ bescheidenen Betrag via Troyes nach Paris brachte. Gare de Lyon oder Gare de l’Est. Die grosse Stadt überwältigte mich! Besonders angetan hatte es mir das Metro-Netz mit den vielen Untergrund-Linien, die vielen Leute, deren elegantes Auftreten, die übergrosse Werbung in den Stationen. Nie mehr werde ich gewisse Umsteige-Bahnhöfe wie z.B. Stalingrad vergessen, und auch die Namen der Endstationen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, z.B. Porte de Clichy.

Stalingrad

Métro Station, genannt nach dem Sieg der Roten Armee an der Wolga

Langsam konnte ich mich mit immer mehr Leuten und Touristen auf Französisch unterhalten, auch wenn ich nicht alles verstand. Das Geld war knapp. Als ich mich bei „den Markthallen“ nach Arbeit erkundigte, lautete die Antwort kurz und bündig: „Nous sommes complets“. Ein Nein, diplomatisch verpackt. Im Vergleich zum weltstädtischen Verhalten der Pariser Bevölkerung empfand ich den Schweizer Habitus als völlig unmodern und rückständig.

Radio unter der Bettdecke

Die französischen Chansons verstärkten die Leidenschaft für Paris. Im Internat leistete ich mir unter der Bettdecke ein Transistor-Radio, wo ich über die Langwellen-Sender meine Idole hören konnte: Edith Piaf (Non, ich bedaure nichts), Charles Aznavour, Gilbert Bécaud (Monsieur 10000 Volt), Jacques Brel, Jacques Dutronc (Il est cinq heures, Paris wacht auf), Michel Fugain, Michel Sardou und wie sie alle heissen. Kaum ein Chanson, das nicht die Stadt besang. Später sah ich auch Berlin, Wien, Rom und London usw.; viele deutsche Städte, die wir mit dem Fahrrad besuchten, lernten wir schätzen, die deutsche Gastfreundschaft ebenso. Aber Paris nimmt in meinem Herzen einen besonderen Platz ein.

Die französische Konversation fesselt mich heute noch. Wenn die Fernsehsender TF1 und France 2 über die Wahl des Präsidenten berichten, lasse ich mir die faszinierenden Diskussionen nicht entgehen. „Le Président va intervenir“. Die Voten der Diskussionsteilnehmer sind manchmal etwas theatralisch, aber immer lebendig, schlagfertig und geschliffen. Nicht zu vergleichen mit einer Diskussion am Fernsehen der Deutschschweiz.

Biografiearbeit

Uebungen: https://schreib1buch.com/uebungen/biografiearbeit/

Zählen Sie die drei wichtigsten Stationen in Ihrem Leben auf, z.B. Kindheit, Pubertät, Lebenspartner, Familie+Beruf, Midlife, Ruhestand, Geburten, schwere Krankheiten, Todesfälle oder andere Verluste. Wie beeinflussen Kindheit, Pubertät oder Verluste die anderen Phasen?

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Über petervollenweider

Winterthurer der 68er Generation. Kurs: "Eine eigene Homepage mit WordPress"
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