Schattenkinder

Schreiben als Therapie

Heimkinder, die missbraucht worden sind, können durch Schreiben ihre schwierige Vergangenheit evt. aufarbeiten und besser bewältigen. Ein Beispiel:

In der Schweiz wurden bis in die 80er-Jahre Kinder aus zerrütteten Familien nicht als schutzbedürftig angesehen. Gewalt prägte den Alltag dieser Kinder. «DOK» begleitet den Autoren Philipp Gurt auf seiner Spurensuche nach seiner schmerzhaften Kindheit für seine Autobiografie «Schattenkind».

http://www.srf.ch/sendungen/dok/vom-schattenkind-zum-erfolgsautor

Philipp G.: «Schreiben war für mich immer auch eine Über­lebensstrategie – ein Ventil, aus­zudrücken, was in meinem Innersten vorgeht.»

Das Schreiben kann auch für andere Aussenseiter eine Chance darstellen, für Scheue, Kranke oder Gefangene. Steh auf! Manchmal treffen wir auf ältere Menschen mit Schatten in ihren Biografien. Zitat: „Biografiearbeit kann qualvoll sein, weil sie auch die Mühen der Vergangenheit anspricht.“ Aber das Schreiben befreit.

Der Verdingbub

Früher wurden Kinder aus verarmten Familien oder aus Waisenhäusern auf Bauernhöfe verteilt. Viele Verdingkinder haben eine tragische Kindheit erlebt, welche ihr ganzes Leben prägt. Sie erzählen von den dunklen Flecken in der Vergangenheit, von der harten Arbeit und der fehlenden Zuneigung. „Viele sagen, dass es nicht die harte Arbeit oder der Hunger waren, unter denen sie noch heute leiden, sondern die emotionale Vernachlässigung.“

Mit meinem Grossvater meinte es das Schicksal noch relativ gut. Fritz, der Vater meiner Mutter, war in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Als zehnjähriges Kind war er zu einem fremden Bauer in der Nähe von Neuenkirch LU verdingt worden, weil zu Hause kein Platz für alle zwölf Kinder war. Es hatte Armut geherrscht im Luzerner Hinterland. Scheinbar war Fritz überzählig gewesen (heute unvorstellbar). Wenn er von weitem seine Mutter sah, konnte er nur weinen. Als er eines Tages seine Eltern besuchte, fragten die jüngeren Geschwister: „Wer ist dieser Mann?“. Unsere Wurzeln reichen also noch in die nackte Armut zurück. Als er aus der katholischen Innerschweiz in die Industriestadt zog, fauchten im Tössfeld die Dampfmaschinen. Da er Schmied gelernt hatte, wurde er Werkmeister in der Schweiz. Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur. Er war beliebt bei seinen Lehrlingen. „Ich bin glücklich mit meinen drei Töchtern; ‚Buben‘ habe ich – als Werkmeister – genug in der Loki.“ Die aufstrebende Maschinenindustrie hatte auf den Innerschweizer gewartet, der seine Chance am Schopf packte. Nur in der Wirtschaftsdepression war er vom Meister zum einfachen Arbeiter zurückgestuft worden, während andere ihren Broterwerb ganz verloren.

Wolf

Im Winterthur der Dreissiger Jahre, Fritz rechts

Grossvater, der ein Verdingkind war, fand sein Glück in der Schweiz. Lokomotiv- und Maschinenfabrik. Das Lokwerk ist heute ein Einkaufszentrum. Fritz war ein begeisterter Schütze im Militärschiessverein Winterthur. Halbstundenlang lag er in der kleinen Wohnstube auf dem Bauch, konzentrierte sich und zielte mit seinem Karabiner auf einen imaginären Punkt. Er konnte sich perfekt konzentrieren. Das ganze Leben lang pflegten die Grosseltern zueinander eine herzliche Beziehung und schenkten den drei Töchtern die Geborgenheit im Familiennest. Andere Verdingkinder hatten weniger Glück im Leben.

(Video im Beitrag eingebettet 5 Minuten)

Beitrag: https://schreib1buch.com/2015/03/03/schreiben-als-therapie/

— siehe Biografie vs. Fachbuch: Vergleich mit Fachbuch.

Advertisements

Über petervollenweider

Winterthurer der 68er Generation. Kurs: "Eine eigene Homepage mit WordPress"
Dieser Beitrag wurde unter Buch-Projekt, Kurs abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s